Im Januar wurde auf www.spontis.de eine
Mitmachaktion ins Leben gerufen, die sich
hauptsächlich an Blogger aus der schwarzen
Szene richtet. Im Rahmen des Projektes gibt
es daher jeden Monat eine neue
themenbezogene Frage.

+ Foto : Tobias K. +
Die Frage im September lautet :
Ist Gothic Dein Lebensstil oder sogar
Deine Lebenseinstellung ?
Ich würde schon sagen, daß mein Lebensstil
größtenteils schwarzer Natur ist – ich kann mich
mit dem Thema Gothic sehr stark identifizieren
und finde mich selbst oft darin wieder, fühle
mich in dunkler Gesellschaft gut aufgehoben.
Das ist einfach genau mein Ding und ich könnte
es mir kaum vorstellen, irgendwann einmal nicht
mehr dieser wunderschönen und vielschichtigen
Subkultur anzugehören. Mir ist es daher auch
sehr wichtig, meine Gesinnung offen nach außen
zu tragen, niemals würde man mich im Alltag
beispielsweise in Normalo-Klamotten antreffen
( bei Fotoshootings sieht die Sache dann wieder
etwas anders aus – dort schlüpfe ich ganz gern
mal in nichtschwarze Rollen ). Wobei ich im
bunten Schlafanzug natürlich innerlich auch kein
anderer Mensch bin als in maximalpigmentierter
Wäsche. Letztere paßt aber eindeutig am besten
zu mir und ich fühle mich in meiner schwarzen
Kleidung ausgesprochen wohl. ![]()
Ist Gothic aber auch meine Lebenseinstellung ?
Hier würde ich, nachdem ich den Artikel dazu
auf Wikipedia gelesen habe, zunächst sagen :
Jein. Die Szene hat mich schon in manchen
Bereichen nachhaltig geprägt. Ich wurde durch
sie offener und selbstbewußter, sah vieles mit
der Zeit gelassener, betrachtete bald einige
Dinge aus völlig anderen Perspektiven,
entwickelte meinen eigenen Stil, fand zu mir
selbst. Meine Charakterzüge hatten sich
allerdings bereits vor meinem Eintritt in die
dunkle Subkultur weitgehend ausgeformt – ich
war nur sehr schüchtern, wußte nicht so recht,
wohin ich gehörte und litt unter einem geringen
Selbstwertgefühl.
Extrem beeinflußt durch die Szeneangehörigkeit
wurde allerdings mein Musikgeschmack.
Nachdem ich anfing, dunkleren Klängen zu
lauschen, schwor ich praktisch allem ab, was
mir früher gefallen hatte. Ich konnte damit
schlichtweg nichts mehr anfangen. Seither höre
ich ausschließlich Sachen aus dem schwarzen
Bereich, alles andere interessiert mich kaum
noch. Zu meinem Leidwesen sieht das mein
Freund etwas anders – er bezeichnet sich
selbst oft als “Teilzeitgruftie” und wählt auch
ganz normale Radiosender an. Ich bekomme,
wenn ich diesem Popmusik-Gedudel zu oft oder
zu lange ausgesetzt bin, in regelmäßigen
Abständen die Vollkrise. Das kann ich wirklich
nur an manchen Tagen einigermaßen ertragen,
manchmal schalte ich auch auf Durchzug oder
gehe einfach aus dem Zimmer. Beinahe
unerträglich finde ich es, wenn mein Schatz
und ich fernsehen und er beim Zappen während
der Werbepausen auf bestimmten Musikkanälen
hängenbleibt – denn für mich fühlt es sich
dann so an, als würde man meine Gehörgänge
vergewaltigen. Das geht einfach gar nicht. ![]()
Dennoch würde ich mich selbst allgemein als
ziemlich tolerant gegenüber anderen Menschen
bezeichnen. Jeder darf so leben, wie er das
möchte und in seiner Façon glücklich werden.
Und in meinem Freundes-und Bekanntenkreis
tummeln sich ja auch nicht nur Gothics. Ins
Gespräch kommt man schließlich im Leben mit
den unterschiedlichsten Leuten – und mit
manchen versteht mit sich auf Anhieb und
manche will man umgehend zum Mond schießen.
Das ist hochinteressant und keinesfalls davon
abhängig, ob die jeweilige Person nun der
dunklen Subkultur angehört oder nicht.
Etwas “engstirniger” sehe ich das, wenn ich eine
feste Beziehung eingehe. Mein Partner muß
unbedingt ebenfalls in der schwarzen Szene sein
und es ist äußerst wichtig für mich, daß wir
gewisse Interessen teilen und ungefähr auf einer
Wellenlänge liegen. Gegensätze ziehen sich
meiner Meinung nach nicht an, die gemeinsame
Basis muß einfach stimmen. Meinen Freund habe
ich 2004 in einer Karlsruher Gothicdisco
kennengelernt – daß er im Alltag oft in bunten
Klamotten herumläuft, habe ich erst später
festgestellt. Anfangs hatte ich damit große
Probleme und er zog sich mir zuliebe in den
ersten Monaten dunkle Kleider an, wenn wir
zusammen unterwegs waren. Inzwischen habe ich
mich weitgehend damit arrangiert, daß wir meist
völlig unterschiedlich aussehen, wenn wir das
Haus verlassen. Manchmal finde ich das aber
schon ein wenig schade – vor allem dann, wenn
ich andere Paare in schwarz sehe, die ihr
Lebensgefühl offenbar voll und ganz miteinander
teilen in perfekter Harmonie. So würde ich mir
das eigentlich ebenfalls wünschen.
Möglicherweise ist Gothic für mich eben doch
auch eine Lebenseinstellung und nicht nur ein
Lebensstil. Ich fühle mich jedenfalls mit der
Szene tief verbunden und seelisch in ihr
verwurzelt. Die dunkle Subkultur ist schlichtweg
mein Zuhause ! Trotzdem unterscheide ich mich
in vielen Belangen des Alltags natürlich nicht
wesentlich von “normalen Leuten”, denn auch
mich plagen ganz banale Alltagssorgen, ich gehe
sogar Hobbies nach, die andere Menschen als
spießig bezeichnen würden ( ich spiele zB gern
Minigolf und löse Kreuzworträtsel ).
Weiter geht es mit der nächsten Frage
im Oktober ! ![]()
+ Zum Projekt “Gothic Friday” auf Spontis Weblog +
+ www.spontis.de +
Siehe auch :
+ Projekt “Gothic Friday” – die Frage im August +
+ Projekt “Gothic Friday” – die Frage im Juli +
+ Projekt “Gothic Friday” – die Frage im Juni +


Sehr offen und sympatisch geschrieben und in vielen Dingen erkenne ich mich selbst wieder
Ein schöner Beitrag, direkt und ohne Umschweife auf den Punkt gebracht. Es ist ja alles kein Thema, wenn der Partner eine etwas andere Einstellung und Sichtweise dem gegenüber hat, was man selbst präferiert – wenn er nur tolerant genug dafür ist, dies zu aktzeptieren und dich nicht auszubremsen versucht.
Wenn ich z.B. mit meinen beiden Männern (Sohn und Göttergatte) aus dem Haus gehe, bilde ich die schwarze Konstante zwischen dem Bunten; musikalisch gesehen bevorzuge ich die “schwarzen Töne” während mein Mann “good handmade music” hört. Wir haben viele Gemeinsameiten, aber auch konträre Punkte, was manchmal in Diskussionen ausartet, aber letztendlich kommen wir am Ende auf einen gemeinsamen Nenner
Ein kleines Beispiel eines häufigen Dialogs: “Ich schau mir mal eben schnell den Friedhof an.” “Schon wieder? Du und deine Friedhöfe *Kopfschüttel*”. Er versteht zwar nicht, was ich da will, aber toleriert es (dabei ist er als gebürtiger Transsilvanier mehr “Gothic”, als er zugibt) und “darf” es sich in diesem Fall im Cafe nebenan gemütlich machen
Deine “spießigen” Hobbys, we du es nennst, zeigen doch auf symphatische Art auf, dass du (im positiven Sinne) geerdet bist. Gothics sind doch schließlich auch “nur” Menschen